Sonntag, 19. März 2017

Gipfelstürmen

Zu den Dingen die man gesehen haben sollte, wenn man in Vietnam unterwegs ist, zählen -wenn man den vielen Aussagen und tollen Fotos glaubt- die Reisterrassen im Norden des Landes. Das war auch der Grund, warum wir die Zugfahrt dorthin auf uns genommen haben. Besagte Fotos zeigen die Reisfelder allerdings meist nur dann, wenn sie in ihrer vollen Pracht und saftig grün sind. Das trifft nicht auf unsere Wintermonate zu...also allzu grün sollte es nicht werden.

Der Bus hatte uns am Marktplatz rausgeworfen und wir mussten dann noch einige hundert Meter laufen. Wenn man hungrig, müde und mit schweren Rucksäcken bepackt ist, möchte man einfach nur schnell ins Hotel...also machten wir uns direkt auf den Weg. Lessons learned an diesem Tag: es wird verdammt schnell dunkel in Vietnam und dann sehen alle Straßen und Häuser dank der überbordenden Lauflichtreklame gleich aus. Als wir nachfragten, gab keiner der Taxifahrer an, unser Hotel zu kennen...Einheimische waren ebenfalls etwas überfragt und im dritten Laden (einem Restaurant) kannte endlich jemand zumindest das Hotel. Aber anstatt uns den Weg zu erklären, hatte man uns mit Händen, Füßen und dem Google Translator erklärt, dass wir doch bitte warten sollen. Vor der Tür kam es zu aufgeregten Handytelefonaten und wenige Minuten später stand der Besitzer des Hotels mit seinem Moped vor der Tür. "Follow me! (folgt mir)" lachte er uns entgegen...ein spätes Erfolgserlebnis. Ein wahrscheinlicher Grund für die gespielte Unwissenheit der Taxifahrer: wir waren fünf Minuten vom Hotel entfernt und sind eigentlich die ganze Zeit drum herum gelaufen...auf der kurzen Strecke kann man die Touris halt schlecht abzocken ;-) 

Der Ort Sapa selbst platzt aus allen Nähten und die Cash Cow "Tourismus" wird ordenlich gemolken... jeder freie Quadratmeter wird mit Hotels zugepflastert und in den Straßen türmt sich der Bauschutt.

 

Der Blick aus dem Hotelzimmer zeigt das geschäftige Treiben auf den Straßen vor der Markthalle. Auf Grund der unsicheren Gesamtwetterlage (100% Regenwahrscheinlichkeit ab 16:00) und einigen Reisetipps haben wir uns kurzerhand entschlossen, NICHT zu wandern sondern die Reisfelder von oben zu betrachten und mit einer neu gebauten Seilbahn auf den höchsten Berg des Landes zu fahren: den Fansipan.

Das Hotel hatten wir übrigens auf Grund der äußerst positiven Bewerung eines einschlägigen Travellerportals ausgewählt. Sie besagte "weltbestes Frühstück" und eine funktionierende Heizung (letztere braucht man, denn es wird knackig kalt nachts) ... Gut gelaunt und mit einer gewissen Vorfreude auf Frühstück und den Ausflug kamen wir morgens in den Essensraum (die Rezeption) und fanden folgendes vor: ein TetraPak Milch, eine Kanne Wasser, acht Bananen und zwei Kannen Kaffee zum Frühstück.


Es war auch sonst niemand anwesend und etwas irritiert haben wir uns erstmal eine weltbeste Banane genommen und saßen etwas bedröppelt in der Rezeption...irgendwann kam dann der Chef und fragte, ob wir denn was essen wollen. Es gäbe Brot, Rührei und Kaffee. Wir bejahten und warteten gespannt. Wenige Minuten später kam dann ein ziemlich großes, frisch gebackenes Brötchen für jeden, Rührei und Kaffee. Alles sehr lecker aber vielleicht nicht ganz das weltbeste Frühstück...Fehlstart also abgewendet.

Als wir einen Taxifahrer gefunden hatten, der nicht zum Festpreis sondern mit Taximeter zur Talstation der Seilbahn gefahren ist, konnte der Ausflug endlich losgehen. Obwohl Wochenende war und wir schon ein wenig Angst hatten, dass wir ewig anstehen und in der Menge untergehen, war recht wenig Betrieb.

In der Talstation zeigte sich die übliche Opulenz bei kommunistischen Prachtbauten. Hauptsache GROSS... man hat neben die Talstation noch schnell einen Tempel gestellt - wahrscheinlich erwartet das der Tourist. (und dann laufen die einem auch noch immer ins Bild ;-) )


Was außen groß begonnen hat, setzt sich auch im Inneren fort: große Hallen, endlos anmutende Gänge, Marmor UND goldene Mülleimer:



Zu dieser allgegenwärtigen Atmosphäre eines Luxushotels gesellte sich allerdings gähnende Leere. Die Hintergrundmusik dudelt einsam vor sich hin, ab und an fegt jemand...weniger wegen des Drecks, eher um des Fegens willen... Hier der Eingangsbereich zur eigentlichen Seilbahn:
 

Da scheinen wohl die Berechnungen des Fünfjahresplans etwas optimistisch gewesen zu sein, zeitweise rechnete ich fest damit, dass ein Tumbleweed durchs Blickfeld rollt... (verfolgt von drei Leuten mit Besen...)

Wie sonst auch überall: keine Attraktion ohne den obligatorischen Souvenirshop: Von A wie "Aloevera Creme" über Fabergé Eier bis hin zu Z wie "Zauberwürfel" kann man dort alles kaufen...über Markenrechte bei so manchem Produkt kann man sicherlich streiten... macht aber keiner...

Genug Vorgeplenkel - auf in die Gondel...die wir auch fast komplett für uns hatten und die mit allen Rafinessen ausgestattet waren:  (ja, es ist eine Kotztüte...)



Während der Fahrt bereits war die Aussicht bestens: Reisterrassen von oben - zwar abgeerntet und nicht saftig grün- aber egal wenn man Reis sonst nur aus dem Kochbeutel kennt...


Zugegebenermaßen manchmal etwas trist...


...trotzdem schön anzusehen...


 Die Bergstation knüpft bautentechnisch nahtlos an die Talstation an:



Man muss bis zum Gipfel noch einige hundert (nicht wirklich DIN konforme) Stufen erklimmen. Während man das tut, wird man mit Musik beschallt - leider scheint es nur ein einziges Lied zu geben und das dudelt in Endlosschleife. Wenn man den zehnten überanstrengten Touri in Sandalen überholen muss, steigt langsam das Bedürfnis, die Lautsprecher mit einem Baseballschläger ihrer Funktion zu berauben ;-) Wenn man mal von den vielen Baustellen absieht, ist die Aussicht wirklich klasse. Man kann weit ins Tal oder noch viel weiter über die Wolken sehen. Wer möchte, kann sich eine der vietnamesischen Flaggen schnappen und mit den patriotischen Einheimischen auf dem Gipfelstein posieren...


Fertig ist die Bergstation aber noch lange nicht: überall wird gebaut um das Erlebnis "Gipfelstürmen" noch beeindruckender zu gestalten. (wem viel an Arbeitsschutz gelegen ist, der schaue sich mit Rücksicht auf den eigenen Blutdruck das folgende Bild vielleicht nicht so genau an...)


Gefegt wurde übrigens auch oben immer und überall...mit ähnlich ausbaufähiger Motivation allerdings...



Essen und Trinken kann man übrigens im weitläufgen Restaurant ebenfalls - allerdings trafen wir hier auf ein bisher nicht so präsentes Phänomen kommunistischer Länder (was man eigentlich immer nur vom Hören-Sagen kennt): nicht alles, was auf der Karte ist, kann man auch kaufen...

Fazit: das hat sich echt gelohnt und Einblicke und Ausblicke verschafft - für Rollstuhlfahrer eher nicht geeignet...





Sonntag, 5. Februar 2017

Trainspotting (nein...nicht der Film)

Auch in diesem Urlaub musste eine Zugfahrt auf dem Programm stehen ;-)

Erst etwas Text, dann die Fotos...

Um der Hektik der Großstadt zu entkommen, planten wir eine Zugfahrt nach Sapa im Norden Vietnams. Dort findet man die durch unzählige, prächtig grün-schimmernde Fotos berühmt gewordenen Reisterrassen. Das wollten wir auch mal mit eigenen Augen sehen. Der Plan sah vor, mit einem Nachtzug hinzufahren, zwei Tage zu bleiben und dann wieder zurück nach Hanoi. Wie das allerdings so oft mit Plänen ist, kommt es erstens anders und zweitens als man denkt. Trotz Onlinebuchung und Vorlauf von drei Tagen war die Fahrt im Orient Express (man gönnt sich ja sonst nix) ausgebucht und den normalen Schlafwagen wollten wir uns nicht geben. Fast ausnahmslos wurde von nächtlichen Besuchen diverser Krabbeltierchen berichtet, vom "Komfort" einer 10cm Schaumstoffmatratze mal abgesehen... Die Notlösung bestand dann aus einer Fahrt mit dem Tageszug: neun Stunden lang der Landschaft zuschauen, die am Fenster vorbeizieht...was fürs Auge halt...

Tickets kann man unkompliziert im Bahnhof mit persönlicher Beratung kaufen, man muss nur verstehen, dass der Ticketschalter ein einfacher Schreibtisch in einer riesigen Halle ist...nichts deutet auf den Verkauf hin und bei Platzproblemen wird man auch einfach mal auf die Seite des Verkäufers gesetzt und wartet, bis die Kunden vor einem fertig bedient wurden. Für wenige Euro haben wir uns dann Tickets für die "Soft Seat" Klasse entschieden, was in etwa der ersten Klasse entsprechen sollte... In Vietnam muss man 30 Minuten vor Abfahrt am Zug sein, was für uns bedeutete, dass wir um kurz nach fünf aus dem Hotel raus mussten und mit dem Taxi an den Bahnhof mussten. Soweit der Plan... (ich verweise nochmal auf die Aussage von weiter oben...) Am Vorabend haben wir alle Check-out Formalitäten im Hotel erledigt und der netten Dame am Empfang auch direkt gesagt, dass wir ein Taxi für viertel nach fünf zum Bahnhof brauchen. Zweimaliges Rückversichern und -fragen brachte immer wieder ein "ja, geht klar" als Antwort.

Nächster Morgen, kurz nach fünf...wir schleichen die spärlich beleuchteten Gänge des Hotels entlang und kommen zur Rezeption... doch dort wo am Vorabend noch die Rezeption war, ist nun eine Garage für ca. 15 Roller und die Nachtwache schläft auf der Couch. Natürlich stand auch kein Taxi vor der Tür und wartete auf uns. Sichtlich verwirrt und verschlafen gab der junge Mann von der Nachtwache zu verstehen, dass er nichts von einem Taxi wüsste...er zückte aber sogleich sein Handy und telefonierte aufgeregt ein paar Minuten und versprach uns dann, dass das Taxi unterwegs sei und wir uns keine Sorgen machen sollten... Irgendwie beruhigte uns das nicht wirklich...Umso größer war dann die Erleichterung, als tatsächlich wenige Minuten später ein Taxi angebraust kam und uns einsammelte und zum Bahnhof brachte...

Unter- oder Überführungen hat man beim Bau des Bahnhofs eingespart - kurzer Blick nach links und rechts - kein Zug der gerade dort fährt wo man das Gleis überqueren will - los gehts ... fünf Gleise sind kein Problem und der Zug stand auch schon am Bahnsteig bereit...

Beim Einstieg wollte man uns noch ein Schlafwagenabteil andrehen, aber ein kurzer Blick hinein reichte, um das Angebot dankend abzulehnen...

Die gebuchte erste Klasse versprühte ein wenig 70er Jahre Kunstledercharme und war im Vergleich zur zweiten Klasse die deutlich bessere Wahl... 

erste Klasse mit Klimaanlage:
 

zweite Klasse mit Deckenventilatoren:


Die Fahrt führte uns zuerst am Rande der Altstadt quasi durch die Wohnzimmer und Küchen der Einwohner. Die Häuser waren so nahe am Gleis gebaut, man könnte durch ein offenes Fenster im Vorbeifahren einen Kaffee vom Tisch klauen...danach ging es über die Long Bien Brücke, von der aus man eine tolle Sicht zurück auf die Stadt hatte...wenn man nicht wie ich die Bilder EXAKT im Rhythmus des Stahlfachwerkes macht und auf fast jedem Bild einen Pfeiler hat. Üppige Vegetation direkt an der Grenze zur Stadt:


Wir fuhren der Sonne entgegen, die sich sichtlich mühte, die morgendliche Dunstglocke der Großstadt zu durchbrechen...von weitem und aus der Gemütlichkeit des knautschigen Kunstledersessels auf Rädern sieht die Stadt fast schon friedlich aus...  (Spoileralarm: das täuscht...)


Die nicht ganz so moderne Technik lässt den Reisenden auch in Genüsse kommen, die man in Deutschland fast nirgends mehr in den vollklimatisierten Zügen findet: man kann die Fenster öffnen und den Kopf auch mal in den Fahrtwind halten:


Ich bin ein paar Mal durch den Zug gelaufen...nach drei Stunden muss man sich auch mal die Beine vertreten... die Einheimischen, die später an den Unterwegshalten noch zugestiegen sind, waren manchmal etwas irritiert, dass sich ein westlicher Reisender in ihren Wagen verirrt...nur die Kinder haben immer freundlich gewunken...

Zurück im Touristenwagen wechselte plötzlich die Temperatur recht schnell von "wir kochen einen Tee ohne Wasserkocher" bis hin zu "den Tee, den wir eben kochen wollten, können wir jetzt am Stiel lutschen" - offensichtlich hat die Klimaanlage einen kleinen Schaden gehabt...

Eine Sache, die mir in Vietnam aufgefallen ist: fast jedes Verkehrsmittel hat seinen eigenen Mechaniker mitgeführt ... löbliche Ausnahme: Flugzeuge...da sind sie vor dem Start wieder ausgestiegen (was einen zu der Frage bewog "steigen die wieder aus, weil sie genau wissen, dass das besser für ihre Gesundheit ist oder steigen die aus, weil die Kiste so gut in Schuss ist?") 

Irgendwann hat auch das Zugpersonal mitbekommen, dass da was faul ist und sie haben ihren Scotty losgeschickt, um das Schiff...äh...die Klimaanlage wieder fit zu machen...  Auch was fürs Auge...


Auf dem Bild ist eine weitere Eigenart der Vietnamesen zu erkennen: sie stellen oder legen prinzipiell IMMER ihre nackten Füße irgendwo drauf...eh man sichs versieht, hat man nen fremden Fuß auf seiner Armlehne neben sich...ein Fest für Fußfetischisten...aber sonst...eher nicht so...

Landschaftlich veränderte sich das Bild je weiter wir nach Norden kamen: Berge tauchten am Horizont auf und bremsten die Wolken aus:



Abschied vom Zug, die chinesische Ingenieurskunst hat uns sicher bis fast ans Ziel gebracht:

 

Der Zug fährt nämlich nicht ganz bis nach Sapa, sondern nur bis Lao Cai, einer kleinen Stadt an der chinesischen Grenze, etwa 30 km vom Ziel entfernt. Die restlichen Kilometer muss man mit dem Bus zurücklegen. Natürlich gibt es auch hier mehrere Anbieter und die Preisverhandlungen sind recht intensiv...am Ende fanden wir uns in einem Minibus wieder, der scheinbar auch gleichzeitig Aufgaben der Post und des Paketdienstes übernimmt: alle paar Meter spring der Kollege des Fahrers aus dem Bus (natürlich während der Bus noch fährt) und sammelt Pakete und Briefe ein und springt mit diesen wieder zurück in den meist immer noch fahrenden Bus. Manchmal springen auch weitere Fahrgäste auf... C. bemerkte passenderweise, dass im Grunde nur noch fehlte, dass wie in einem Computerspiel bei jedem neuen Paket das "Ka-tsching" Geräusch einer Kasse ertönt und eine pixelige "1000" oder ein ebensolches "$" aufsteigt...


Irgendwann ist aber dann auch der größte Minibus mit dem doppelten der zugelassenen Menge an Fahrgästen und Fracht gefüllt, einzig die obligatorischen Ziegen und Hühner fehlten...ich saß neben einem alten Mann, der in einem Plastikbeutel lebende Fische transportierte, meine Füße ruhten auf einer Kiste Töpfe und mein Rucksack verhinderte, dass ich trotz immenser Fliehkräfte auch nur einen Millimeter bewegt wurde... 

...Fliehkräfte?

Das im ersten Beitrag zur Reise beschriebene Verkehrsverhalten ändert sich auch in den Bergen nicht: eine Straße, zwei Spuren, drei Fahrzeuge nebeneinander, vier Meter Sicht bis zur nächsten Kurve, aber trotzdem mit 80 außen überholen und hoffen, dass die Hupe erhört wird und der entgegenkommende 40-Tonner schneller bremst...auch hier besteht wieder das Potenzial, dass Freunde eines geordneten Straßenverkehrs in unkontrollierte Schnappatmung verfallen und verkrampft ihre Fingernägel irgendwo hineinbohren... in der Hoffnung auf sicheren Halt...

Die Kiste mit den Töpfen hatte am Ende der Fahrt einen doch deutlichen Abdruck meines Fußes...da hab ich wohl das ein oder andere Mal mitgebremst...   

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Großstadtgeflüster: Hanoi

Hanoi - die Hauptstadt Vietnams war nach einer ersten Nacht in Ho Chi Minh Stadt der erste Ort, an dem wir uns länger aufgehalten hatten. "Geflüster" ist zugegebenermaßen ein wenig irreführend...geflüstert wird prinzipiell nie und leise wird es erst recht nie in der Stadt.

Abseits eines lebhaften Straßenverkehrs besteht Hanoi aus einer ausgewogenen Mischung zwischen kommunistischen Prunkbauten, alten Häusern aus der Kolonialzeit und Plattenbauten. Dazwischen immer mal wieder ein Tempel oder Park. Die Franzosen haben der Stadt auch eine recht große Kathedrale spendiert, welche mitten in der Altstadt steht. In Laufreichweite zu ebendieser Kapelle lag dann auch unser Hotel... Das "Impressive Hotel" empfing uns freundlich und aufgeräumt. Was allerdings auch "impressive" war, war der Baulärm, welcher vom Nachbarhaus ertönte...zusammen mit den Vibrationen des Presslufthammers war ab 8 Uhr morgens nicht mehr an Schlaf zu denken...und das, nachdem man um 5 schon von den Glocken der Kathedrale zum Morgengebet gebimmelt wurde...und die fleißigen asiatischen Arbeitsbienchen legten in der Regel auch das Werkzeug nicht vor 18 Uhr wieder aus der Hand. Gut, dass wir uns meist draußen aufgehalten hatten...

Zentraler Anlaufpunkt in der Altstadt ist der Hoan Kiem See mit seinen schön hergerichteten Uferpromenaden:


Eigentlich ganz nett anzusehen, allerdings schien die Wasserqualität nicht gut gewesen zu sein, viele Fische dümpelten am Ufer tot an der Wasseroberfläche.

Laut Reiseführer ein Event, das man gesehen haben muss: Das Wasserpuppentheater. Hatte ich noch nie vorher von gehört - aber ich bin ja offen für Neues... Man muss sich das ganze wie einen großen Pool vorstellen, an einer Seite sitzen die Zuschauer, an den drei anderen Seiten sitzen die Puppenspieler gut versteckt und bewegen die Figuren auf und im Wasser. So kam es, dass C. und ich in den Genuss einer -laut Ansagerin- ganz speziellen Vorführung des Wasserpuppentheaters kamen....NUR für die anwesenden Gäste...das war dann auch das letzte, was wir für die folgenden 45 Minuten verstanden haben - die Vorführung war komplett in Landessprache gehalten. 


Ich konnte der Handlung nicht immer ganz folgen, glaube aber, dass es eine sehr dramatische Geschichte über harte Arbeit, Natur, Leben und Sterben, Seefahrt, Reisanbau, Fische und Katzen war...Ach ja...und Drachen! (ganz wichtig!) Auch wurde nicht an den Spezialeffekten gespart: Pyrotechnik war bei jeder zweiten Szeme im Einsatz.

Nach der Vorstellung wanderten wir noch ein wenig am Ufer des Hoan Kiem Sees entlang, dessen Bauwerke und Brücken im Dunkeln stimmungsvoll beleuchtet werden. Hier wurde zum ersten Mal sehr deutlich, dass die Vietnamesen ein Faible für LEDs und Lichterketten haben. 


Am folgenden Tag besuchten wir den Tempel der Literatur, welcher die erste Akademie des Landes war. Dort lehrte man zwischen 1076 und 1915 das umfangreiche Wissen des Konfuzius. Die Anlage besteht aus mehreren Höfen mit Seen und Gebäuden und war auf Grund einer Abschlussfeier einer Schule und mehreren Hochzeiten an diesem Tag ziemlich gut besucht.


Im Hauptgebäude sind verschiedene Statuen untergebracht, die Konfuzius und seine besten Schüler darstellen. Diesen spirituellen Ikonen werden regelmäßig Opfergaben gebracht. Wie man auf dem Foto erkennen kann, halten es die meisten Vietnamesen dabei eher pragmatisch und stellen den Stein gewordenen Herren auch mal eine Schachtel Kekse hin. 


Und mit dieser geschickten Überleitung zum Thema "Essen" hier ein Foto eines landestypischen Restaurants: ("bia" ist übrigens das Wort für "Bier")


Die kleinen Plastikhocker sind Standard, serviert und teilweise gekockt wird auf der Straße...wenn man die wahre vietnaesische Küche erleben will, muss man in so einem Laden essen. Natürlich gibt es auch Restaurants mit westlich geprägter Einrichtung, richtigen Stühlen und Tischen und auch Burger King und Co. haben mittlerweile ihren festen Platz im Straßenbild. Wir sind allerdings nicht um die halbe Welt geflogen, um einen Big King zu essen...also waren wir in einem Restaurant, welches Reisröllchen serviert. Diese bestehen aus einem hauchdünnen Teig aus Reis und werden mit Hackfleisch und/oder anderen Sachen gefüllt und es gibt verschiedene Soßen als Dip. LECKER!!! Und man kann direkt in die Küche schauen und mitansehen, wie die Leckereien zubereitet werden. Auf dem Foto sieht man, wie gerade der Teig vom Ofen genommen wird und gleich auf dem Holzbrett gefüllt und gerollt wird.


Einziger kleiner Kritikpunkt: Die bereits angesprochenen landestypischen kleinen Plastikhocker als Tisch und Stuhl. Diese Dinger sind vielleicht zu gebrauchen, wenn man nur 1,65 groß ist, aber meine Füße sind länger als die Hocker hoch sind. Dementsprechend schlecht habe ich gesessen.

Einmal pro Woche ist Mitternachtsmarkt in einer Straße nördlich von der Altstadt. Ich war neugierig, was es da so alles gibt und hoffte auf allerhand exotische Waren... Die etwas enttäuschende Antwort: "nur billigen Krempel" - von Mode über Spielwaren bis hin zu Essen und Trinken - zugeschnitten auf den knauserigen Touristen, der neben einer "Rollex" auch noch einen "Cmap David" Pullover sucht... Aus diesem Grund waren wohl auch fast nur Touristen in der Gasse unterwegs. 


Die Händler waren auch nicht sonderlich erfreut darüber, wenn jemand Fotos von ihren Ständen gemacht hat...nicht unbedingt ein Indiz dafür, dass die angebotenen Waren astrein waren. Ein Foto hab ich dann aber doch heimlich gemacht: schwimmt mit auf der Welle der coolen Nerds...aber...


...Comicfans müssen jetzt ganz stark sein:

 
Über den Verkehr in den Städten hatte ich ja bereits geschrieben, so war es umso angenehmer, einmal durch die Straßen zu gehen, ohne permanent von motorisierten Verkehrsteilnehmern umgeben zu sein:

Zum Abschluss des Abends gab es noch ein kleines Konzert von einheimischen Rock-Fans mit Klassikern wie "Hotel California" und "Jailhouse Rock"
 

Zum Abschluss noch ein Foto vom Wäscheschrank des Hotels: hier ist die Welt noch in Ordnung, hier wird noch mit Gift geputzt - entfernt wirklich alles...


Dank den Empfehlungen aus dem Reiseführer nun zu den Dingen die man in Hanoi noch machen kann: abwarten und Tee trinken...

In meinem Falle ein "Drachenaugentee" - das einzige auf der Karte, von dem ich so gar keine Ahnung hatte, was auf mich zukommt... und weil ich neugierig bin, hab ich es bestellt, ein paar Sprüche gemacht, wieviele Augen denn am Ende in meiner Tasse schwimmen werden und letztendlich kurz gestutzt, als dann tatsächlich kleine Kugeln im Tee waren... es könnten Litschis gewesen sein... (wenn nicht - dann waren die Augen überraschend lecker...)

Es gibt auch einen Laden, der Eierkaffee anbietet: klassischer Kaffee, darin Milch, drei Eiswürfel und ein rohes Ei... vermischen und fertig... und ja ich, der sonst keinen Kaffee trinkt, habe es probiert und für trinkbar befunden ;-)

Auch ein Abenteuer: Bus fahren... C. war irgendwann der Verkehr zuviel und statt Laufen wollten wir einen Bus nehmen. An einer sehr großen Bushaltestelle warteten wir auf den richtigen Bus (den wir mit Hilfe des Reiseführers und unserer ausgezeichneten Orientierung gefunden hatten). Während der Wartezeit kamen immer wieder Einheimische und wollten uns mit dem Mopedtaxi irgendwo hinfahren. Interessanterweise wollte man uns auch glaubhaft machen, dass der Bus nicht fährt...während hinter uns Bus um Bus angerauscht kam... netter Versuch...5 Minuten und 20 ct später waren wir im richtigen Bus...
 
Zu erwähnen wäre noch die hohe Militärpräsenz in der Stadt. Überall Uniformierte...unter deren strengen Augen das öffentliche Leben abläuft. Wir kamen nur einmal direkt in Kontakt mit ihnen: Unser Hotel hatte uns eine Stadtkarte gegeben, auf der nicht alle Straßen eingezeichnet waren... was dazu führte, dass wir auf einmal mitten in der Stadt vor einer Kaserne standen und laut Karte eigentlich woanders sein sollten. Da der gemeine Mann generell nie nach dem Weg fragt, bin ich jede mögliche Straße im Umkreis auf der Suche nach Straßenschildern abgelaufen... C. hingegen hat es gleich richtig gemacht: einfach einen der doch sehr freundlichen Soldaten nach dem Weg fragen. So fanden wir dann auch wieder den richtigen Weg zurück zum Hotel.

Samstag, 3. Dezember 2016

Entropie reloaded

URLAUB! ENDLICH! 

Dieses Mal wieder in Asien und auch dieses Mal bin ich nicht allein unterwegs. Mit einer langjährigen Freundin, nennen wir sie aus Gründen des Datenschutzes "C.", mache ich mich auf die Reise nach Vietnam...

Vietnam...Land auf dem Sprung...Perle Indochinas...Abenteuer...Viele Beschreibungen treffen auf das zu, was einen erwartet...

Bevor ich zu den einzelnen Orten der Reise komme, fange ich mit ein paar allgemeinen Punkten an...

Aus der fanzösischen Kolonialzeit ist neben vielen Gebäuden auch die Schrift erhalten geblieben: als einziges Land in Asien verwendet man hier romanische Buchstaben. Diese werden mit diversen Akzenten und Stimmhöhenangaben versehen, man scheitert hier beim ersten Versuch der korrekten Aussprache kläglich. Trotzdem erleichtert es einem die Orientierung ungemein.

2014 habe ich aus La Paz (Bolivien) geschrieben, dass dieser Ort die Quelle aller Unordnung auf der Welt sein muss... wie sagt man im Englischen so schön "little did I know" (ich hatte ja keine Ahnung) ... gegen den Straßenverkehr in Hanoi oder Ho Chi Minh Stadt war Südamerika regelrecht Kindergarten. Die großen Städte bestehen im wesentlichen aus Mopeds...egal was man an anderer Stelle sehen/lesen kann - Mopeds und Roller überall. Unbestätigten Gerüchten zufolge kommen auf 90 Millionen Einwohner 60 Millionen angemeldete (!) Roller...merkt man...irgendwie...



 Hier lauern sie schon in der Seitenstraße:

  
Baustelle? Straße gesperrt? Kein Problem - für was gibt es den Bürgersteig? Rollerfahrer sind auch nur Bürger auf einem Roller...


In den seltenen Fällen, in denen so ein Moped mal nicht zum Fahren genutzt wird, ist es auch eine bequeme Liege:


Wenn man mal von diesem Sonderfall absieht, dienen die Zweiräder vornehmlich der Fortbewegung, aber auch dem Transport von allen (wirklich ALLEN) möglichen Gegenständen. Hier eine kleine Liste dessen, was transportiert wurde:
  • eine weitere Person
  • zwei weitere Personen
  • drei weitere Personen
  • vier weitere Personen
  • aus Platzgründen lasse ich das Hochzählen...bis zu 40 Hühner
  • bis zu drei Hunde
  • eine Suppenküche
  • geschätzte drei Tonnen Bauschutt
  • mehrere Fenster
  • ein halber Blumenladen
  • eine lebende Kuh
  • Werbetafeln

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit...leider kamen wir nicht dazu, Fotos davon zu machen, das ging alles viel zu schnell...

Und als wäre das nicht schon genug, quälen sich zwischendrin  Autos, Busse und Lastwagen durch die Gassen. Dem gestressten Ohr fällt direkt auf: die Hupe wird hier pausenlos genutzt. Als Deutscher, der mit einem halbwegs geordneten Straßenverkehr aufgewachsen ist, muss man auf den Straßen einer vietnamesischen Großstadt alles über Bord werfen, was einem in der Heimat zeitlebens im Elternhaus, der Schule und der Fahrschule eingemeißelt wurde.
Während das Betätigen der Hupe in Deutschland meistens dazu dient, in Verbindung mit allerlei verbalen Stilblüten ("Arschloch" etc.) und wildem Gestikulieren (u.a. dem internationalen Zeichen für "ich bin wenig erfreut über dein Handeln", dem Mittelfinger) dem Rivalen im Straßenverkehr sein (subjektives) Fehlverhalten zu verdeutlichen, bedeutet Hupen in Vietnam "Achtung, ich bin auch noch da". Da hier jeder fährt wie er will, ist das auch gar nicht mal so schlecht für die Rollerfahrer.

Damit dies alles ohne Probleme läuft, braucht es natürlich auch feste Regeln:

1) Es herrscht Rechtsverkehr - theoretisch - dient aber nur als grobe Orientierungshilfe, denn wenn es schnell gehen muss, wird auch schonmal unter Hupen auf der falschen Straßenseite gefahren 

2) Es gibt eine fest eingezeichnete Anzahl von Fahrspuren - diese stellt allerdings nur das Minimum dessen dar, was in der Praxis umsetzbar ist. In der Regel fahren bei zwei Spuren je Fahrtrichtung vier Autos und mindestens genauso viele Mopeds nebeneinander (unter eifriger Nutzung von Regel 1 versteht sich)

3) Es gibt Ampeln - diese dienen ebenfalls allenfalls der groben Orientierung. Wenn gerade kein Kreuzungsverkehr kommt, wird auch bei Rot gefahren. Ampeln haben einen Countdown, der anzeigt, wie lange rot oder grün ist. 10 Sekunden bevor die Rotphase zuende ist, fahren die meisten schon wieder und reihen sich in den bereits fließenden Verkehr ein. (wenn vorher überhaupt gestoppt wurde...)

4) Es gibt Zebrastreifen - diese wurden aller Wahrscheinlichkeit nur dazu aufgepinselt, um der heimischen Farbenindustrie Aufträge zu sichern. Zebrastreifen sind immer auch ein Treffpunkt von Touristen, welche verzweifelt und vergeblich darauf warten, dass irgendwer anhält.

Was tun, wenn man nun auf die andere Straßenseite muss? (was gar nicht so selten passiert)
Am besten macht man es wie die Einheimischen: einfach losgehen - klingt komsch, ist aber so - der Verkehr fließt einfach um einen herum. In der Regel passiert auch nichts, da alle Verkehrsteilnehmer dieses Verhalten antizipieren. Wer stehen bleibt verliert. Man könnte es fast "Schwarmintelligenz" nennen.

Was fällt sonst noch auf:




  • Es gibt überall WLAN
  • Straßenhändler preisen ihre Ware nicht mehr nur mit der eigenen Stimmkraft an, Kassette und Lautsprecher sind der neuste Schrei (und dieses Wortspiel passt so unglaublich gut) bis tief in die Nacht laufen die fleißigen Verkäufer mit ihren zu Nudel- und Suppenküchen umfunktionierten Fahrrädern/Mopeds durch die Gassen und beschallen die Umgebung...
  • Verständigung ist umständlich, zwischen ein paar Brocken Englisch, Französisch und Händen und Füßen klappt aber am Ende doch irgendwie alles...
  • Die Fassade des real existierenden Kommunismus glitzert - daneben und dahinter bröckelt es allerdings:


  • Man ist nicht so wirklich auf Menschen über 1,70m Körpergröße vorbereitet.
  • Auch wenn romanische Buchstaben genutzt werden, birgt die westliche Sprache so einige Stolperfallen:
"Trink ich jetzt nen Margarita, nen Margatita oder nen Margatira?"
 
  • Offensichtlich fehlt jegliches Bewusstsein für sowas wie "Umweltschutz"
  • Nie war es so einfach, Millionär zu werden. 1 Euro entspricht 24.000 Dong
  • Sämtliche Verkabelung wird eher kreativ verlegt:

 Dieser Pfosten wird eigentlich nur noch durch die Kabel gehalten...


  • Man ist noch immer mächtig stolz darauf, dass man damals die Amerikaner aus den Land gejagt hat:



Soviel für den Anfang...


Auf das ein oder andere Thema werde ich sicher nochmal zu schreiben kommen...